Pfarrer Seegenschmiedt erzählt: Nigeria- ein Land zwischen Tradition und Zivilisation

  In Afrika sind alle Menschen arm und unglücklich? Das Leben dort muss unerträglich sein? Für uns Europäer ist das Leben auf dem afrikanischen Kontinent immer noch schwer vorstellbar, da unser Bild meist von überholten Klischees und Vorurteilen geprägt ist. Doch wie ist es also wirklich? Am Dienstag, dem 22. November 2011, hatte der Geographiekurs von Frau Hühnlein ...

....die einmalige Gelegenheit, in das Leben Afrikas einzutauchen, da ein wahrer Experte Eindrücke seines sechsjährigen Aufenthaltes in Nigeria mit den Schülern teilte: Pfarrer Seegenschmiedt aus Küps verbrachte die Zeit von 1988 bis 1994 in dem westafrikanischen Land zusammen mit seiner Frau und dem jungen Sohn und hatte so die Möglichkeit, den „Giant of Africa“ aus nächster Nähe kennenzulernen.

Gewohnt hat die Familie Seegenschmiedt in Lagos, welches 1990 von Abuja als Hauptstadt abgelöst wurde und mit 15 bis 16 Millionen Einwohnern auf einer Fläche mit der Länge von Kronach nach Bamberg als größte Stadt Nigerias gilt. Die Verhältnisse in diesem Moloch, der sich selbst als „afrikanisches Manhattan“ bezeichnet, beschreibt Herr Seegenschmiedt als chaotisch, weshalb man sich als Europäer zunächst an diese Strukturen gewöhnen müsse. So sei der Verkehr unglaublich ungeordnet, Verkehrsregeln beständen praktisch kaum und ohne Hupe und gegenseitige Rücksichtnahme wäre man eh verloren.

Besonders die Tatsache, dass der Verkehr in Lagos nur von drei Ampeln gesteuert wird, erscheint unglaublich. „Und von diesen drei Ampeln funktionieren zwei generell nicht und die dritte wird nicht beachtet“, berichtete unser Gast schmunzelnd. Für 25 km benötige man aufgrund der Verkehrsgegebenheiten im Durchschnitt zwei bis drei Stunden Fahrzeit.

Auch insgesamt sei die Infrastruktur sehr schlecht entwickelt, zumindest in dem Zeitraum, den Herr Seegenschmiedt selbst in Nigeria verlebt hat: Drei bis vier Stromausfälle stünden an der Tagesordnung und aufgrund der offenen Abwasserkanäle würden in der Regenzeit die hygienischen Bedingungen nur unzureichend bestehen.

Besonders schockiert erzählte der Pfarrer, der in Nigeria für den Christenrat gearbeitet hat, von der Beschaffenheit des Krankenhauses: „Man muss schon sehr gesund sein, um da wieder gesund rauszukommen.“

 

Da wir uns im Unterricht mit Entwicklung und insbesondere der Diskrepanz zwischen Industrie- und Entwicklungsländern befassten, war für uns der Einblick in das sich rasant entwickelnde Nigeria besonders interessant, denn Herr Seegenschmiedt konnte uns von einigen Vorurteilen befreien: Zwar sei in Nigeria die Polygamie durchaus gang und gäbe, jedoch würden die Frauen keineswegs unterdrückt: „Die Frauen haben die Hosen an, obwohl sie ja eigentlich Kleider tragen“, bringt es Herr Seegenschmiedt auf den Punkt. So würden diese die Geschäfte betreiben, weshalb die „Frauenquote in Westafrika eher erreicht ist, als in Deutschland.“

Auch sei unser Bild von der Vielehe zu pauschalisierend: Da mehr Frauen als Männer geboren werden, unverheiratete Frauen aber in vielen Teilen Afrikas zumeist kritisch beäugt werden, sei es nur logisch, dass die Frauen durch die Vielehe nicht an gesellschaftlicher Achtung verlieren. Des Weiteren seien die Afrikaner keineswegs unterentwickelte Buschbewohner, wie es sich die Menschen aus Industrieländern zumeist vorstellen, im Gegenteil: Besonders im handwerklich kreativen Bereich seien sie unglaublich begabt, ihre Kunst äußerst ausgefeilt, wie uns Herr Seegenschmiedt durch einige mitgebrachte Werke verdeutlichte. Allein fehle den Afrikanern der Bezug zu ihrer Kunst, die sie häufig zu niedrigen Preisen „verscherbeln“ würden.

Außerdem wäre das als offizielle Amtssprache geltende Englisch der Nigerianer perfekt- und das, obwohl in Nigeria 300 Völker mit insgesamt 260 verschiedenen Sprachen zusammenleben! Mit einem Diavortrag gewährte uns unser Nigeria- Experte Einblicke in die Farbenvielfalt Afrikas und seine Besonderheiten: So würden auf Märkten teilweise echte Tier- oder Menschenknochen verkauft, da diesen heilwirksame Kräfte zugesprochen werden. Generell jedoch hat der Glaube an Zauberei in Nigeria keine feste Basis mehr, da das Land überwiegend christlich sowie teilweise muslimisch geprägt sei. Diese religiöse Verschiedenartigkeit jedoch ist oft die Ursache für nationale Konflikte, weshalb auf diesem Gebiet unbedingt Verständigungshilfe geboten werden müsse.

Auf die Frage nach seiner Sichtweise zu Entwicklungshilfe im Allgemeinen, antwortete Herr Seegenschmiedt kritisch, dass man die Entwicklungshilfen von Staat und Kirche im Prinzip „in der Pfeife rauchen“ könne, jedoch „Misereor“ und „Brot für die Welt“ gute Arbeit leisten würden, da sie den Kontext des Landes berücksichtigen. Diesen Kontext konnten nun auch wir besser verstehen, wobei uns unser Gast darüber aufklärte, dass trotz der teilweise wirklich harten Lebensbedingungen den Afrikanern nie die Freude am Leben verginge und diese unglaubliche Kraft und Dynamik ausstrahlten. Dies mag wohl einer der Gründe gewesen sein, weshalb er die Zeit mit seiner Familie in Nigeria so gerne verbracht hat. Voller Bilder im Kopf und neugewonnener Eindrücke bedankten wir uns schließlich bei Herrn Seegenschmiedt für den interessanten und authentischen Exkurs über das Leben in Nigeria, durch den wir einen tiefen Einblick in die Strukturen des „Giant of Africa“ und dessen Entwicklung gewonnen haben! (Nadja Geuther für den Geokurs)

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