"Dadurch bin ich vielleicht am Leben geblieben"

TitelbildDie Holocaust Überlebende Eva Franz erzählt der 9. Jahrgangsstufe am Kaspar-Zeuß-Gymnasium von ihren Erlebnissen während der Zeit des Nationalsozialismus‘.

Organisiert vom Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung e. V. kam Eva Franz zusammen mit der Historikerin Birgit Mair in die Mensa des KZG. Im Lehrplan der neunten Klasse findet sich sowohl im Geschichts- als auch im Religionsunterricht das Thema „Nationalsozialismus“ bzw. „Holocaust“. Neben dem Zeitzeugenbericht besuchen die Schülerinnern und Schüler in der nächsten Woche zum Beispiel auch das Konzentrationslager Buchenwald.

„Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten“ – unter diesem Motto des Altkanzlers Helmut Kohl konnten die Schülerinnen und Schüler am vergangenen Freitag nun zusätzlich zum Unterricht die Erfahrungen einer Frau aus erster Hand hören, die als kleines Kind in verschiedenen Konzentrations- und Vernichtungslagern inhaftiert war. Die Erinnerungen setzen sich aus ihren eigenen Erlebnissen und auch aus Erzählungen ihres Vaters und ihrer Tanten zusammen, da sie selbst sehr jung war, während sie inhaftiert war.

Nach einer kurzen Einleitung zu den Hintergründen der Verfolgung und zur Familie von Eva Franz berichtete die 77-Jährige von ihrer Kindheit in der Diktatur. Schon als sie von der Deportation aus Fulda erzählt, bricht die Stimme immer wieder, wenn sie erzählt, wie ihre große Familie von SS-Männern auf Lastwagen getrieben und abtransportiert wurde. Nur ihre Großmutter wurde im Haus der Familie zurück gelassen: „Du bist eine Arische, du brauchst nicht mitkommen“, erinnert sich Eva Franz an den Kommentar des SS-Mannes. Ihre Großmutter konnte die Deportation aller anderen Familienmitglieder nicht verhindern und rief dem Lastwagen nur „Ich warte auf euch!“ hinterher, nachdem schon vorher ein Enkelkind, das sie unter ihrem Rock verstecken wollte, von einem Spürhund entdeckt und auch mit auf den Lastwagen gezogen worden war.

Als Angehörige der Sinti und Roma zählte Eva Franz zur Gruppe der „minderwertigen Menschen“ und sollte auf Grundlage der nationalsozialistischen Ideologie vernichtet werden. Angekommen in Auschwitz wurde sie zusammen mit ihren Eltern mit der Nummer „4167“ gekennzeichnet, die Eva Franz bis heute auf ihrem Unterarm trägt. Als sie erzählt, wie ihr als Zweijährige die Nummer mit heißer Tinte unter die Haut gestochen worden ist, ist es in der Mensa mucksmäuschenstill – wie während des gesamten Vortrags. Eva Franz‘ Stimme bricht immer wieder und ihr stehen die Tränen in den Augen.

Als sie vom Lagerleben erzählt, fällt ihr ein, wie ihr Vater versucht hat, sie heimlich mit zusätzlichem Brot zu versorgen. Als er dabei allerdings entdeckt worden ist, wurde die gesamte Familie auf den Appellplatz zitiert und der Vater über einem Lederbock ausgepeitscht, wovon er „die Narben mit ins Grab genommen hat“, erinnert sich Eva Franz. Ihr Vater wurde anschließend nach Mauthausen gebracht, so dass Eva Franz mit ihrer Mutter alleine im Lager zurückblieb, nachdem auch ihre große Schwester an Typhus gestorben war. Auch sie wurden von Auschwitz nach Ravensbrück ins Frauenkonzentrationslager und von dort nach Bergen-Belsen gebracht.

Ihre Mutter, die dem Arbeitsdienst zugeteilt war, musste den ganzen Tag arbeiten und nahm die kleine Eva aber überall mit ihn. Durch die mangelhafte Ernährung und harte Arbeitsbelastung ging es der Mutter im April 1945 immer schlechter. An einem Tag, erzählt Eva Franz, „ist die Mama einfach umgefallen“. Als sie vom Tod ihrer Mutter erzählt, hat nicht nur die Überlebende Tränen in den Augen, sondern viele Schülerinnen sind ebenfalls von ihrem Schicksal tief bewegt.

Wenig später befreiten die Engländer das Lager und Eva Franz wurde mit den anderen Kindern in ein Nothospital in Belsen gebracht, wo ihr Vater sie nach seiner Befreiung aus Mauthausen abgeholt hat. Allerdings war auch dies ohne Papiere in den Wirren der letzten Kriegsmonate ein Kraftakt. Evas Mutter hat vor ihrem Tod einer befreundeten Frau im Lager eine Nachricht für ihre Familie in Fulda anvertraut, die diese Dame wirklich auch zugestellt hat. Deshalb wusste ihr Vater, wo sie sich aufhält und hat so auch vom Tod seiner Frau erfahren. Kurz bevor die Kinder aus dem Nothospital zur Adoption in die Vereinigten Staaten von Amerika gebracht werden sollten, holte er Eva mit einem alten Motorrad ab, wobei er seine Tochter an einer alten Narbe wiedererkannte.

Ihr Vater hat sich nach dem Krieg eine neue Existenz aufgebaut und wieder geheiratet. Mit zehn Jahren besuchte Eva Franz für vier Jahre die Schule, heiratete und bekam fünf Kinder. Nur eine Tochter kennt ihr Schicksal, die anderen Familienmitglieder möchte die Überlebende nicht mit ihrer Geschichte belasten.

Am Ende des 60-minütigen Vortrags richtet Eva Franz einen bewegten Appell an die Schülerinnen und Schüler: Sie möchte in Deutschland als Deutsche anerkannt sein und nicht als Angehörige einer Minderheit gesehen werden. Die Jugendlichen von heute hätten es in der Hand, dass sich die Geschichte nicht wiederhole.

Zum Schluss blieb noch Zeit, nachdem Frau Mair ein paar Informationen zur Situation der Sinti und Roma nach dem Zweiten Weltkrieg vorstellte, für Fragen der 9. Jahrgangsstufe und danach gab es auch die Gelegenheit für persönliche Fragen oder Vieraugengespräche. Das Zeitzeugengespräch endete mit Umarmungen und tief bewegten Schülerinnen und Schüler, die teilweise von ihren eigenen Großeltern erzählten, die ein ähnliches Schicksal ertragen mussten.

Drucken

Wir helfen Ihnen gerne weiter.Logo-KZG-300.jpg

 

Kaspar-Zeuß-Gymnasium | Langer Steig 1  | 96317 Kronach
Telefon: 09261 / 50456 - 0 | Fax: 09261 / 50456 - 56 | Mail: sekretariat@kzg.de